Tippen und Enter drücken.

Eine Liebeserklärung an meine Falten

Eine Liebeserklärung an meine Falten (Simone Jacob)

Simone, @simone_i_jacob

Ich bin 58 Jahre alt, also in der Post-Menopause und ich habe Falten, besonders um die Augen. Ich kann sie nicht wegdiskutieren und werde sie auch nicht weg operieren oder weg spritzen lassen. Nicht, dass ich irgendjemanden verurteile, der sein Gesicht botoxt, mit Hyaluron auffüllt oder sogar einschneidende Massnahmen vornimmt.

Ich frage mich nur, warum machen wir Frauen das eigentlich?

Im Jahr 2020 scheinen Falten mehr denn je ein No Go zu sein. Ich finde aber, wir Frauen haben ein Recht auf unsere Falten. Sie sind Trophäen, die wir ein Leben lang mühsam gesammelt haben und mit Stolz und nicht mit Scham tragen sollten.

In meiner Jugend wurden Frauen eigentlich nur in die Kategorie jung oder alt gepackt. Barbies oder Omas. Barbies waren attraktiv, Omas dick, bestenfalls gemütlich, nett und fürsorglich aber auf gar keinen Fall attraktiv.

Zum Glück hat sich seitdem vieles geändert. Wir Frauen sind auf einem guten Weg. Wir haben unsere Stimme erhoben und mischen mit in Wirtschaft, Politik und Kultur.

Fragt man Frau heute, ob sie sich für emanzipiert hält, antwortet sie wahrscheinlich mit „JA“. Sind wir doch oder? Nur warum verkauft sich dann ausgerechnet alles was mit Anti-Aging und Schönheits-Restaurierung zu tun hat, so rasend gut?

Glaubt man der Beauty-Industrie, scheint für Frauen nichts beschämender zu sein, als Falten im Gesicht! Fast schon ein persönliches Versagen. Deshalb schnell weg mit den Zeichen des Alterns. Nein, pfui, Falten gehören sich einfach nicht! Zumindest nicht für Frauen. Bei Männern kein Problem. George Clooney darf sie haben, aber nicht seine Filmpartnerin. Die ist sowieso meist 10-20 Jahre jünger und – natürlich faltenfrei. Was sonst?!

Der Eingriff in den natürlichen Alterungsprozess scheint immer mehr Common Sense zu sein.

Ich selbst habe es erlebt, als mir kürzlich eine Yogalehrerin den wohlmeinenden Rat gab, „Also wirklich, da um die Augen solltest Du schon mal was spritzen lassen.“  Ich habe bis heute nicht verstanden, wie das Yogamantra „sich so zu lieben wie man ist“, mit der Idee zusammenpasst „optisch alles an sich operieren und aufspritzen zu lassen was nicht gefällt“.

In Hollywood gehört die Verschönerung um jeden Preis, längst zum Alltag. Wer dort faltig bleibt, muss damit leben, dass Kolleginnen abfällig die Nase rümpfen.

Wenn wenigstens das optische Ergebnis der Schönheits-Operationen all’ das Geld und die Schmerzen wert wäre. Stattdessen sehe ich beim Blättern in People-Magazinen immer öfter die kaputt operierten Gesichter einstiger Beauties. Durch welche Qualen gingen diese Frauen nur um dem Schreckgespenst „Alter“ zu trotzen?

Auch ich arbeite in einem Business, in dem es um die Schönheit geht und ab und zu frage ich mich, ob der Fotograf denkt „bei den Falten könnte sie schon mal nachhelfen“. Wenn das so ist, kann ich es nicht ändern. Ich gönne mir meine Falten und möchte mit ihnen, den Zeugen meiner Tränen, meines Lachens, meines Lebens alt werden. Sie gehören zu mir und ich bin stolz, es mit ihnen bis hierhin geschafft zu haben.

Trotzdem – ich kann nicht garantieren, dass ich nicht doch irgendwann umkippe, schwach werde und Zweifel bekomme. Auch frage ich mich, wo genau fängt ein Schönheits-Eingriff überhaupt an? Schon beim Bleichen der Zähne, Haare färben, künstlichen Wimpern, Spritzen oder erst beim Augenlider straffen, Nase verkleinern, Fett absaugen, Liften und Brust operieren?

Sicher, man kann der Meinung sein: Was soll’s, ich will jünger aussehen und eine kleine Spritze hier, ein kleiner Schnitt da…ist doch nichts dabei!

Wer will den Richter spielen? Ich sicher nicht. Ich wünsche mir nur, dass wir Frauen sehr ehrlich auf unsere Optimierungs-Motive schauen und sie hinterfragen: Warum will ich das machen? Wem will ich gefallen? Was kann ich tun, um mich so zu lieben wie ich bin? Eben auch faltig?!

Deshalb, mein Motto:

Lasst uns unsere Falten feiern! Wir haben sie uns ehrlich verdient!

Instagram: @simone_i_jacob