An meinen allerersten Kaschmirpullover kann ich mich erinnern wie heute. Ich war Anfang 20, Studentin, mit winzigem Modebudget ausgestattet (das ich allerdings regelmäßig überschritt, aber das ist wieder eine andere Geschichte). Das gute Stück hatte ich mehrmals an meiner Mutter bewundert: schmal geschnitten, mit rundem Ausschnitt, die Ärmel etwa dreiviertellang. Schwarz, sehr klassisch, sehr schlicht. Und dabei unendlich weich, leicht und kuschelig. Nichts wünschte ich mir sehnlicher, als genau solch einen Pullover mein Eigen zu nennen … am liebsten sogar genau diesen! Bis ich ihn bei einem meiner „Heimatbesuche“ auf der kleinen Kommode in meinem Mädchenzimmer fand. Was für eine Überraschung – und was für eine Freude! Sie wäre leider „rausgewachsen“, meinte meine Mutter lachend. Als ich hineinschlüpfte, fühlte sich der Pullover an, wie eine mütterliche Umarmung. Warm und weich. Er roch nach ihrem Lieblingsparfüm und einem Hauch von Haarspray. Ich wollte ihn am liebsten nie wieder ausziehen.
Seit damals ist Kaschmir für mich mehr als Wolle: Es ist ein Versprechen. Ein Kleidungsstück, das uns nicht nur vor Kälte schützt, sondern uns ebenso federleicht wie zärtlich umarmt. Ein wahrer Seelenwärmer, der uns guttut, wenn wir es brauchen. Sehnt sich nicht jede von uns gelegentlich nach diesem tröstlichen Gefühl von Geborgenheit und Fürsorge? Gerade jetzt, wenn die Tage wieder kürzer und kälter werden? Wenn graue Wolken tief am Himmel hängen, dicke Nebelschwaden die Landschaft verhüllen und die Dunkelheit sich womöglich in unsere Seele schleicht? Genau dann umhegt uns Kaschmir mit wohliger Wärme und tröstlicher Nähe, wie bei Muttern damals. Ein Stimmungsaufheller für Herbst und Winter, rezeptfrei und ganz ohne Nebenwirkungen! Hineinschlüpfen, die Augen schließen, innehalten. Genießen. Nur eine echte Umarmung ist schöner.

Der Kaschmirpullover meiner Mutter ist nicht der einzige in meinen Leben geblieben, wenn auch der, mit dem ich das Gefühl von Nähe und Geborgenheit am intensivsten verbinde. Im Laufe der Jahrzehnte sind weitere hinzugekommen, die allermeisten sind bis heute treue Begleiter und werden nach wie vor getragen. Und immer, wenn ich den einen oder anderen Pullover aus dem Schrank hole, werde ich erinnert: an Begegnungen, an Momente, an Menschen, die mir wichtig waren und vielleicht immer noch sind. An die gute Freundin, mit der ich einen Kaschmirpulli getauscht habe, an meine geliebte Ostsee, wo ich einen meiner Kaschmirfavoriten erstand. Kaschmir erinnert uns an das, was wir haben, an das, was bleibt. Genau das macht seinen Zauber aus.
Übrigens: Einen meiner liebsten Pullis – aus dem ich ebenfalls, ähm, „herausgewachsen“ war – habe ich vor einiger Zeit meiner Tochter geschenkt. Ich bin mir sicher, er schenkt ihr Wärme und Geborgenheit. Und eine dicke Umarmung, wenn sie sie braucht.
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Susanne Ackstaller alias Texterella
ist Autorin, Texterin, Kolumnistin und seit 2009 die Bloggerin hinter texterella.de. Viele Jahre ihres Lebens hat sie damit verbracht, mit ihrer Figur zu hadern, und damit, dass sie nicht in sogenannte „Normalgrößen“ passte, weil sie dafür zu dick war. Geändert hat sich ihre Haltung erst, als ihr klar wurde, wie viel wertvolle Lebenszeit sie dem Thema Figur widmete und wie oft sie deswegen unzufrieden war – anstatt ihr Leben zu genießen. Im PETER HAHN Magazin erzählt sie, wie sie lernte, ihren Körper zu akzeptieren und sich samt ihrer Pfunde zu lieben. Tipps zum Thema Styling in großen Größen gibt es natürlich auch.

