Tippen und Enter drücken.

Startseite » Kolumne » Mama allein zu Haus’ – Das Empty Nest Syndrome

Mama allein zu Haus’ – Das Empty Nest Syndrome

Simone Jacob - Empty Nest Syndrome

Wie war das noch mal in dem berühmten Gedicht von Khalil Gibran?

„Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und die Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch, Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht (…) Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.“

Ja und dann ist es soweit. Unsere Kinder schnellen von den Bögen und fliegen in die Welt hinaus…..Wie oft habe ich dieses Zitat von Khalil Gibran überlegen lächelnd, frisch gebackenen Eltern zur Geburt geschenkt. Ich war mir sicher, ich weiß wie das geht. Die perfekte Mutter eben! Hah, weit gefehlt!

Endlich frei…

Je nach Schulausbildung und Ehrgeiz verlassen unsere Kinder zwischen 18 und 27 das Nest. Oft stellten wir uns vor, wie toll das wird. Denn jahrelang bestimmten unsere Kinder mit ihren Bedürfnissen, Sorgen, Wehwechen und Freuden unseren Alltag. Wir sehnten den Moment herbei, in dem wir wieder Zeit haben würden, für Freunde, Reisen, Yogakurse, eine neue Ausbildung und ungestörten Sex im ganzen Haus – mit dem Partner oder Singles mit dem neuen Date. Endlich wieder selbst- statt fremdbestimmt sein. Vorbei, endlose Pubertäts-Diskussionen, Musikterror, Berge schmutziger Wäsche und das Ranschleppen riesiger Lebensmittelberge.  Endlich Ruhe und grenzenlose Freiheit.

Wäre da nur nicht dieser vollkommen unerwartete Schmerz, als das Kind dann tatsächlich seine wenigen Sachen ins Auto schmeisst und sagt: „Tschüss Mama, wir sehen uns.“

Tut das weh…

Das tut weh, unendlich weh in diesem Moment. Viele Mütter überrascht die Heftigkeit dieses Schmerzes. Solange herbei gesehnt und dann steht man plötzlich verzweifelt vor dem Abschluss eines Lebensabschnittes. Dem Ende des Muttertiers. Natürlich hört man nie auf Mutter zu sein. Man wird seine Kinder immer lieben und sich um sie sorgen, aber eben aus der Distanz. Viele Mütter fragen sich: Was kommt jetzt?

Nicht selten fallen die zurück gelassenen Mamas in eine mittelschwere Depression. Man nennt das auch das „Empty Nest Syndrome“.

Zu allem Überfluss, kommt zeitgleich oft die Menopause hinzu.

Als meine Kinder das Fliegen lernten

Ich habe zwei Kinder. Als meine Älteste das Haus verließ, habe ich das nicht so sehr gespürt, denn ihr jüngerer Bruder war ja noch da. Erst als er mit 25 ging, unfreiwillig – ich musste ihn regelrecht aus dem Nest schubsen – hatte ich diesen Moment der Trauer. Er war zwar intensiv, aber glücklicherweise relativ kurz.

Was hilft gegen den Mutterschmerz?

Mir half ganz sicher ein Abschied in zwei Stufen. Erst ein Auslandsjahr, ein paar Jahre später dann der endgültige Auszug. Ich schickte beide Kinder während der Schulzeit für ein Jahr ins Ausland. Meinen Sohn nach Kanada, meine Tochter nach Australien. Bei Beiden heulte ich beim Abschied Rotz und Wasser. In den folgenden Monaten musste ich lernen mit dem Schmerz und der Sehnsucht nach ihnen umzugehen. Dieses Üben half mir dann, als es im zweiten Schritt schließlich zum endgültigen Auszug kam.

Auch ich kann wieder fliegen

Heute freue mich an meiner neuen Freiheit. Im Rückblick war diese Abschiedszeit die Chance meines Lebens, mich neu zu sortieren, zu hinterfragen und aufzustellen. Was ist mir wirklich wichtig in MEINEM Leben? Was muss ich ändern, welche Stärken und Potentiale kann ich neu entfalten und ausleben.

Ich trennte mich. von unwichtigen Dingen und Menschen, die mir nicht gut taten. Stürzte mich stattdessen in ein buntes Leben. Ich intensivierte die Bildhauerei, eröffnete eine Galerie in Palma, ließ mich scheiden, fing an als Model zu arbeiten und lebe nun mit meinem neuen Partner in München und Palma de Mallorca.

Heute bin ich selbstbestimmt und mit mir im Reinen. Ich weiß, dass ich meinen Kindern alles mir mögliche für ihren eigenen Weg mitgegeben habe. Und ich weiß, dass sie jetzt fliegen können und wollen, wenn nötig weit weg bis an den Rand der Welt. Aber ich weiß auch, dass wir immer über ein starkes Band in unseren Herzen verbunden sind. Und übrigens, auch ich kann jetzt wieder fliegen….

So ein Leben ohne Verantwortung kann wirklich großartig sein.

Mich interessiert, wie hast Du das Empty Nest erlebt? Ich freue mich über Deine Geschichte….

Instagram: @simone_i_jacob

Tipps: Unterstützung beim Abschied von den Kindern, bekommt man in der Selbsthilfegruppe „Empty Nest Moms„, gegründet von Bettina Teubert. Die Therapeutin und Familienberaterin ist selbst zweifache Mutter – und auch ihre Kinder sind bereits ausgeflogen.

Kontakt: Bettina Teubert, http://enmoms.de

Hier findest Du das ganze Gedicht „Eure Kinder“ von Khalil Gibran: www.zgedichte.de/gedichte/khalil-gibran/eure-kinder.html