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Die PETER HAHN Weihnachtsstory – Der lange kurze Weg zum Glück

– – – Zum Hörbuch – – –

Der Schnee fiel seit Tagen beinah ohne Pause. Mal in Massen, sodass er fast wie eine weiße Wand vor dem Fenster stand, mal ganz sachte in kleinen, puderzuckerzarten Flöckchen. Mia saß stundenlang in ihrem Nachthemd auf dem Fensterbrett und blickte nach draußen, wo der Winter eine weiche weiße Decke über die Welt gelegt hatte. Ab und zu kam ihre Mutter ins Zimmer, um sie etwas zu fragen, um etwas zu bitten oder einfach nur um kurz nach ihr zu sehen, weil es in der Wohnung so ungewohnt still war.

Ein Mädchen von elf Jahren ist alt genug, sich selbst ein Bild von der Welt zu machen und Mia tat das auf ihre ganz eigene Weise. Sie war ein aufgewecktes Mädchen, voller Energie und Ideen, aber sie genoss es auch, schier endlos lang aus dem Fenster zu sehen und die Welt zu beobachten. Sie bestaunte, was es da draußen zu sehen gab – den Garten mit den stolzen alten Bäumen, die krause Hecke, die ihn umgab und die Autos, die wie wedelnde farbige Bänder durch die Hecke flackerten, wenn sie auf der dahinter liegenden Straße vorbeifuhren.

PETER HAHN Weihnachtsstory Der Weg zum Glück

Manchmal passierte auch nichts. Eine ganze Weile lang. Doch das bedeutete mitnichten, dass in Mias Kopf auch nichts vor sich ging. Im Gegenteil – sie hatte von einem Erwachsenen einmal den klugen Satz aufgeschnappt, dass man in der Stille die ganze Welt hört und bei Mia galt das auch für das Sehen. Wenn draußen nichts geschah, geschah manchmal umso mehr in ihrem Kopf …

 

„Kuckuck!“, rief auf einmal jemand von draußen. „Kuckuck!“ Noch einmal derselbe Ruf, vorsichtig, bedächtig. Mia war derart in Gedanken versunken gewesen, dass sie erst zu sich kam, als das „Kuckuck!“ beim dritten Mal lauter wurde, noch immer sanft, aber etwas bestimmter. Sie drehte ihren Kopf in die Richtung, aus welcher der Ruf gekommen war und sah eine strahlend weiße Schnee-Eule, die elegant zu einem Ast in der Nähe ihres Fensters schwebte und sich dort niederließ. „Kuckuck, und entschuldige bitte, dass ich dich aus deinen Träumen gerissen habe.“ „Ach, schon gut“, erwiderte Mia, „die waren eh nicht besonders.“ „Was gabs denn?“, fragte die Eule, und ohne Mia Gelegenheit zu antworten zu geben, fuhr sie fort: „Oh, pardon, ich habe mich noch nicht vorgestellt, mein Name ist Vincent. Und du bist Mia.“

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„Das stimmt“, antwortete Mia verwundert. „Woher weißt du das? Und was machst du überhaupt hier?“, wollte sie von Vincent wissen. „Ich hatte so ein Gefühl, dass du mich brauchen könntest. Wir Schnee-Eulen haben scharfe Sinne, feine Antennen, wenn du weißt, was ich meine. Warte, ich komm mal zu dir rüber.“ Jetzt erst fiel Mia auf, dass sie gerade dabei war, sich mit einer Eule zu unterhalten. Und noch etwas bemerkte sie nun: Die Scheibe ihres Fensters war nicht mehr da. Aber anstatt zu frieren, war ihr behaglich warm, denn die Kälte war nicht in ihr Zimmer gelangt, obwohl kein Glas mehr zwischen ihr und der eisigen Landschaft dort draußen war. Vincent erhob sich von seinem Ast und schwebte mit dem Schwung eines einzigen anmutigen Flügelschlags auf Mias Fensterbrett. „Verrat mir, woran du grade gedacht hast, Mia.“

„Warum sollte ich dir das erzählen? Ich kenne dich doch gar nicht“, sagte Mia nur schüchtern. Wie sie das alles realisierte – die sprechende Eule, die ihren Namen kannte, die verschwundene Fensterscheibe – wurde ihr regelrecht unheimlich zumute. „Nun gut, liebe Mia. Weißt du, im Grunde brauchst du es mir nicht zu sagen, denn ich weiß es ohnehin schon. So fein sind unsere Antennen, dass ich die Gedanken gespürt habe, die du gewälzt hast. Und genau deshalb bin ich hier.“ „Wie meinst du das?“, fragte Mia ungläubig. „Ich erklär’s dir“, antwortete Vincent sanft. „Du fragst dich, wo du wohl dein Glück finden magst, was das überhaupt ist, das Glück, und wie es sich anfühlt. Du weißt, dass es das gibt, denn die Leute reden darüber, schwärmen davon und wünschen es sich gegenseitig. Aber du weißt nicht, was es ist und wo und wie. Stimmt’s?“ „Stimmt“, antwortete Mia erstaunt. „Stimmt genau. Aber was hat das mit dir zu tun? Und wieso willst gerade du über das Glück Bescheid wissen?“ „Lass uns ein bisschen spazieren gehen“, schlug Vincent freundlich vor. „Also ich fliege, du spazierst, ja? Und alles Weitere wirst du sehen … einschließlich deinem Glück.“

Mia schwang sich auf die andere Seite des Fensterbretts und sprang mit einem geschickten Satz nach draußen. Ihre nackten Füße versanken nicht im Schnee, als sie die ersten Schritte machte, und sie spürte keine Kälte, nicht an ihren Fußsohlen und nicht an ihrem Körper, der bloß von einem Nachthemd bedeckt war. „Wir gehen das Glück suchen, Mia. Dein Glück.“ Vincent war ein paar Schritte neben ihr gegangen und streifte nun zart Mias Kopf, als er sich in die Luft erhob. Ihr war noch immer eigenartig zumute, doch spürte sie Vertrauen zu Vincent und wollte sich mit ihm auf die Suche machen.

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Ein paar Minuten verbrachten sie schweigend und das sanfte Brausen von Vincents Flügelschlägen war das einzige Geräusch, das zu hören war. Mia folgte ihm in einen Wald, während der Schnee ununterbrochen fiel und doch kein Flöckchen auf ihr zu liegen kam. Da stand mit einem Mal ein großes Bündel Stacheln auf dem Weg vor Mia.

„Stoooooooop!“, schrie es und richtete sich vor ihr auf. Ein leibhaftiges Stachelschwein starrte sie mit scharfen Blicken an. „Stoppundzwarsofort!“, stieß es hervor und die Worte klangen, als gäbe es gar keine Lücke und Pause zwischen ihnen. „Hierkommtniemandvorbei. Dasistmeinrevier.“ „Immer mit der Ruhe“, wandte sich Vincent aus der Luft beschwichtigend an das Stachelschwein. „Wir haben hier Wichtiges vor und glaub mir, wir wollen auch nur ein paar Schritte durch dein Revier und auf der anderen Seite gleich wieder hinaus.“ „Was Wichtiges, hä? Na, da bin ich aber mal gespannt!“ Vincent war neben Mia gelandet und hielt es für angemessen, sich zuerst vorzustellen. „Mein Name ist Vincent und ich ….“ „Alfons!“, unterbrach ihn barsch das Stachelschwein. „Aber dein Name ist mir doch ganzundgaregal!“ Schon wieder klebten die Worte förmlich aneinander, so schnell und aufgebracht sprach das Stachelschwein. „Was gibts? Schieß los! Machschnell!“

„Schon gut, übellauniger Kamerad. Wir sind hier unterwegs, um Mias Glück zu finden. Das ist übrigens Mia.“ Vincent wies mit seinem Flügel zu Mia, die anhob, sich ebenfalls vorzustellen. „Ich bin …“ „Auf der Suche nach dem Glück, ja, ich weiß. Also Leute, habt ihr Langeweile, oder was?“ „Na dann sag mal, lieber Alfons“, erkundigte sich Vincent, „was ist denn zum Beispiel für dich das Glück?“ „Das Glüüüüüüück“, stieß Alfons spöttisch aus, während er mit seiner Nasenspitze einen unsichtbaren Kreis in die Luft zirkelte. Ganz unverhohlen machte er sich lustig über Vincent. „Das Glück, ihr Lieben, ist dass ich die meisten Stacheln habe von allen Stachelschweinen im Wald! Die meisten. Von allen. Meisten. Ich!“ Triumphierend setzte sich Alfons auf sein stacheliges Hinterteil und verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust. „Noch Fragen?“

„Hmm“, stutzte Vincent, „und dabei war mir so, als hätte ich neulich in der Gegend um den kleinen See ein Stachelschwein gesehen, das noch mehr Stacheln hatte als du. Es werden gut und gerne fünfzehn, zwanzig Stacheln mehr gewesen sein.“ „Fünfzehnzwanzig? Mehr? Du spinnst wohl! Du hast dich verwählt … verzählt … Ach, Eulen können doch gar nicht zählen … Ihr habt ja gar keine Finger zum Rechnen! Fünfzehnzwanzig mehr? Gütiger Himmel! Was für eine Schande! Was für ein Tragikunglück!“ Alfons hatte sich aufgerichtet und drehte sich nun unaufhörlich um sich selbst, während seine Worte vollends zu einem einzigen verzweifelten Brei verklumpten. Mia schaute Vincent ratlos an. Der zwinkerte ihr zu und deutete mit einem Winken an, dass sie weitergehen sollten. Alfons bemerkte es überhaupt nicht mehr, als sie an ihm vorbei schlichen. Das Schimpfen des zornigen Stachelschweins begleitete die beiden im Hintergrund noch eine ganze Weile, während sie weiter ihres Weges durch den Wald gingen.

„Siehst du, Mia? Eines kann das Glück schon mal auf gar keinen Fall sein – nämlich etwas mehr oder weniger zu haben als jemand anderes. Oder schneller zu sein oder größer oder oder oder. Wenn du dein Glück daran hängst, dass du dich mit anderen vergleichen musst, wirst du früher oder später garantiert unglücklich sein, weil es immer jemanden geben wird, der mehr Stacheln hat. Oder weniger Pickel. Oder ein schnelleres Fahrrad. Oder ein neueres Handy. Oder oder oder. Häng dein Glück nicht an Vergleiche, hörst du?“ Mia nickte bedächtig. Im Grunde tat Alfons ihr leid. Für einen Moment hatte sie regelrecht Angst vor ihm gehabt. Aber als sie sah, wie sehr es ihn getroffen hatte, dass es tatsächlich ein Stachelschwein geben sollte, das gerade mal fünfzehn bis zwanzig Stacheln mehr hatte als er, konnte sie nur noch Mitleid mit Alfons haben, dessen ganzes Glück offenbar an fünfzehn Stacheln hing.



Sie schwiegen wieder für eine Weile, wie sie ihren Weg durch den tief verschneiten Wald fortsetzten. Da plötzlich hörten sie lauten Jubel. „Jaaaaaaaa, das ist unfasslich! Das ist ungeahnt! Das hat die Welt noch nie gesehen!“ Irgendjemand schien da gerade förmlich überzulaufen vor Glück. Mia und Vincent wandten sich zum Ursprung dieser Euphorie und sahen einen kleinen Erdhügel abseits des Weges, in den hinein sich offenbar jemand eine Art Höhle gebaut hatte. Vorsichtig näherten sie sich der Tür, die ein kleines Stück offen stand. „Genial! Einfach genial! Wie konnte mir so etwas nur einfallen?!“ Durch den Spalt erkannten Mia und Vincent eine Gestalt, deren weißer Kittel über und über mit Farbtupfen gesprenkelt war. Selbst das satte Orange seiner ungestüm strubbeligen Haare war mit ein paar Klecksen gespickt. Eine Art Gnom, ein zu kurz geratener Zwerg, von Beruf offenbar Maler, tanzte da, einen Pinsel in der einen und eine Palette in der anderen Hand, einen Freudentanz kreuz und quer durch sein Atelier.

Wenn jemand einen nützlichen Hinweis auf das Glück würde geben können, dann doch wohl dieser eigenartige Geselle hier. Vincent war wieder neben Mia gelandet und holte gerade aus, um mit einem Flügel an die Tür zu klopfen, als er ein Kratzen an seiner Kralle spürte.



„Nicht! Nicht stören! Das ist Quentin. DER Quentin. Und er entwirft gerade die neue Frühjahrskollektion. Also bitte. Nicht. Stören. Nicht jetzt.“ Vincent blickte hinunter zum Boden, wo sich eine zierliche Maus auf ihre Hinterbeine aufgerichtet hatte und die Vorderpfoten wie zum Gebet zusammenhielt. „Seit Monaten arbeitet er daran und ich höre ihn immer nur fluchen und klagen. Er probiert diese Farben und jene. Und dieses Muster und jenes. Und immer ist er unzufrieden. Ich bin seine Nachbarin und ich bitte euch – wenn er nun endlich einmal mit etwas zufrieden ist, dann unterbrecht ihn nur bitte nicht.“ „Ich bin Vincent“, sagte Vincent ruhig und reichte ihr einen Flügel zur Begrüßung. „Und das ist Mia.“ Mia nickte der Maus verdutzt zu. „Und wer bist du?“ „Ich bin Katharina. Quentins Nachbarin. Und mit den Nerven am Ende, weil dieser Kerl seit Monaten an seiner neuen Frühjahrskollektion arbeitet. Nie ist er zufrieden – typisch Künstler. Immer nur ‚Ich muss noch hier. Nein, ich muss noch da. Oder doch besser so.‘ Ich kann es nicht mehr hören.“ Katharina schlug die Vorderpfoten vors Gesicht und schüttelte aufgelöst den Kopf.

„Aber was entwirft er denn so Schwieriges, dieser Quentin?“, wollte Vincent wissen. „Ihr habt noch nie von Quentin gehört? Na, ihr seid ja komisch. Er ist der Kolorationskobold hier im Wald. Er entwirft und malt alle Blumen, die hier im Frühjahr blühen – alle Farben, alle Muster, alles von ihm. Ihr solltet ihn mal sehen, wenn die ersten Knospen sprießen – keinen glücklicheren Kobold gibt es dann als ihn. Aber kaum dass der Herbst kommt und er mit den Vorbereitungen für die nächste Saison beginnt – weg ist dann die gute Laune und ich höre ihn tagein, tagaus nur lamentieren. Wo geht ihr hin?“ „Wir sind unterwegs zu Mias Glück. Und ich danke dir für das, was du gerade gesagt hast, Katharina. Siehst du“, wandte sich Vincent Mia zu, „ganz offensichtlich darf man sein Glück also auch nicht an eine bestimmte Zeit hängen. Denn wenn das Glück an eine Zeit gebunden ist, dann kommt das Unglück unausweichlich, sowie diese Zeit vorüber ist. Nein, man darf das Glück nicht von einer Zeit abhängig machen.“ Mia schaute Vincent bewundernd an und nickte still. Auch diese Lektion hatte sie verstanden.

Vincent neigte seinen Kopf zu Katharina. „Verrat du uns doch mal, was für dich das Glück ist, Katharina.“ „Mach ich, aber sagt mal, würde es euch was ausmachen, wenn ich euch ein bisschen begleite? Quentins Jubel nervt mich mittlerweile schon fast genauso wie sein Klagen und ihr seht mir aus wie angenehme Gesellschaft.“ „Klar, komm mit“, jauchzte Mia. Mit einer Eule und einer Maus durch einen verschneiten Wald schlendern und fantastische Dinge erleben – das war ein Gefühl, das dem Glücklichsein wohl schon ziemlich nahekommen musste.

„Also für mich ist das Glück Käse. Wenn ich Käse im Haus hab, bin ich glücklich. Das ist ganz einfach, nicht wahr? Käse gleich Glück. Glück gleich Käse.“ „Ganz einfach, du sagst es, kleiner Feinschmecker.“ Vincent schaute sie prüfend an. „Aber sag, was machst du, wenn mal kein Käse im Haus ist? Wenn du wochenends Heißhunger bekommst und plötzlich sind alle Vorräte weg und die Läden zu?“ „Dann leide ich ganz fürchterbar. Und wenn dann nebenan auch noch Quentin schimpft und wehklagt, dann jammern wir im Chor und es geht mir erst dann wieder gut, wenn ich anderntags wieder ein grooooßes Stück Käse in meinem Mäusemagen habe.“

„Mia“, begann Vincent einen Satz, aber sie war schneller. „Ich weiß. Ich soll mein Glück nicht an Dinge hängen. Denn Dinge können zu Ende gehen, oder verloren, oder kaputt, und dann …“ „Genau“, übernahm Vincent wieder das Wort, „und dann wars das mit dem Glück.“ Vincent war sehr erfreut darüber, wie treffsicher Mia kombiniert hatte. Und auch ein bisschen stolz auf sich. „Sehr gut, junge Dame. Du lernst schnell. Scheinst einen guten Lehrer zu haben.“ „Sag mal, mein guter Lehrer, ist es denn eigentlich noch weit?“, fragte Mia charmant. „Nein, liebe Mia“, beruhigte Vincent sie. „Du hast schnell gelernt und schnell begriffen. Hinter der Biegung da vorn, wo das kleine Brückchen steht, dort müssen wir noch drüber und dann sind wir da.“

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„Und ich finde endlich mein Glück! Hurra! Kommt, wir beeilen uns. Vincent, flieg so schnell du kannst. Katharina, komm auf meine Schulter. Ich renne zu meinem Glück. Ich bin gut im Rennen, schon immer gewesen.“ „Mia, warte noch einen Moment, bitte.“ Vincent war ganz dicht zu ihr geflogen und landete direkt vor ihren Füßen. „Es gibt noch etwas ganz Wichtiges, das man über das Glück wissen muss.“ „Aber was kann das denn jetzt noch sein? Und kannst du es mir nicht sagen, wenn wir dort sind. Es ist doch schon gleich da vorn.“ „Das Glück“, sagte Vincent mit ruhiger Stimme, „braucht keine Eile. Das Glück verschwindet nicht. Das Glück ist und bleibt. Genieß also noch unsere letzten paar Schritte und sei gewiss, du wirst dann noch sehr, sehr viel Zeit mit deinem Glück haben.“

Die kleine Brücke führte sie über einen vereisten Bach und nach ein paar Schritten und einer letzten leichten Biegung kamen sie an einen Zaun, der ihren Pfad kreuzte und ein Törchen, das Mia zu öffnen hatte, um ihren Weg weitergehen zu können. Sie hielt kurz inne und suchte Vincents Blick. Der nickte ihr mit halb geschlossenen Augen gütig zu und Mia wusste, dass sie nichts zu befürchten hatte. Sie ergriff die Klinke, drückte sie hinunter und wurde im nächsten Moment schlagartig von einem strahlend hellen Licht geblendet. Sofort kniff sie die Augen zu und es dauerte einige Sekunden, bis sie sich traute, sie wieder zu öffnen.

Als Mia wieder etwas erkennen konnte, stand sie in ihrem Kinderzimmer, neben ihr Vincent und Katharina. „Aber … das ist doch mein Zimmer! Hier war ich doch schon die ganze Zeit. Von hier sind wir losgegangen. Vincent?“ Ratlos ließ Mia sich auf ihr Bett sinken. Vincent landete ganz nah bei ihr und hatte auch Katharina sanft mit seinen Krallen auf die Bettdecke gehoben. „Richtig, liebe Mia. Hier sind wir losgegangen und wir haben unterwegs einiges über das Glück gelernt – nämlich, was es nicht ist. Jetzt sind wir wieder hier, wo du am Anfang warst. Und lass dir gesagt sein: Das Glück war schon die ganze Zeit da. Das Glück ist nicht, was du besitzt. Das Glück ist nicht ein bestimmter Zeitpunkt und auch kein Vorteil, den du hast, den andere nicht haben. Das Glück ist, dass du bist. Jetzt und hier. Das Glück ist und bleibt.“ Mia konnte überhaupt nichts sagen. Sie war überrumpelt, aber dabei ganz ruhig, und spürte, wie ein warmes Gefühl sie nach und nach durchströmte. Es wurde so wohlig, wie sie es noch nie gekannt hatte, während sie erst ganz allmählich begann, Vincents Worte zu begreifen.

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„Schön hast du’s hier, wirklich sehr schön“, meldete sich Katharina zu Wort. „Und dein Bett ist ja so wunderweich, dass man gar nicht mehr aufstehen möchte. Aber sag mal … hast du vielleicht ein Stückchen Käse für mich?“ Mia und Vincent lachten im selben Moment los und Katharina lächelte nur verlegen. „In Ordnung, Mia“, sagte Vincent gütig. „Für heute hast du sicher genug erlebt – und eine großartige Entdeckung gemacht. Ich werde jetzt mal für unsere kleine hungrige Freundin etwas Essbares ausfindig machen. Bis bald!“

„Bis bald!“, antwortete Mia, während Vincent sich schon in die Luft erhob, Katharina auf seinen Schultern. „Und danke!“

„Mia!“, hörte sie ihre Mutter rufen, „Abendessen ist gleich so weit. Wasch dir bitte die Hände und komm dann gleich. Es gibt dein Leibgericht – du hast Glück!“ „Ich weiß“, antwortete Mia und lächelte. „Ich weiß.“



– – – Ende – – –



Matthias Weiss

 

ist Texter, Musiker, Kabarettist, Ratgeber für Vorträge und Präsentationen, Moderator, Rhetorik-Coach und Autor. Exklusiv für PETER HAHN hat er die Weihnachtsstory Der lange kurze Weg zum Glück verfasst.  Wir hoffen, Ihnen hat die Kurzgeschichte gefallen und wünschen eine besinnliche Vorweihnachtszeit.

Matthias Weiss ist außerdem leidenschaftlicher Vorleser und hat seine PETER HAHN Weihnachtsstory darum zusätzlich für Sie vertont. Viel Spaß beim Zurücklehnen und Zuhören!

Mehr über Matthias Weiss und seine anstehenden Projekte können Sie auf seiner Webseite erfahren: www.matthiasweiss.online/

Autor der Weihnachtsstory Matthias Weiss

Die PETER HAHN Weihnachtsstory als Hörbuch




Die PETER HAHN Weihnachtsstory, gelesen von Matthias Weiss, aufgenommen von Mick Baumeister