Zwischen Grüner Woche und Fashionweek liegt meine diesjährige Hauptstadtreise. Somit bekomme ich also weder vom einen noch vom anderen wirklich etwas mit. Zugegebenermaßen mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Der Auflauf an Stars, Sternchen und solchen, die es gerne wären, ist jedes Mal aufs Neue ein Vergnügen der Extraklasse. Aber apropos Auge: Die letzten Male waren meine Berlinreisen immer beruflicher Natur. Das heißt, ich habe diese pulsierende Stadt vor allem durch mein „Kameraauge“ wahrgenommen – und damit leider auch einiges verpasst. Denn auf der gehetzten Suche nach dem nächsten ultimativen Fotoobjekt verliert man oft den Blick für die kleinen, zunächst unscheinbaren Schönheiten. Und dabei sind es ohnehin die Bilder im Kopf, die sich einprägen.

Unser Hotel liegt dieses Mal in der Nähe des Kurfürstendamms. Und damit im schönen Bezirk Charlottenburg. Abends haben wir uns mit meiner Cousine Ina und ihrer Partnerin Sonja verabredet. Die beiden sind vor einem halben Jahr mit ihrem Wohnmobil zu einem Sabbatical aufgebrochen und hüten zwischendrin für ein paar Monate ein Haus in Falkensee. Wir überlassen den Beiden die Restaurantwahl für den ersten Abend. Und so machen wir uns zu Fuß auf zum schönen Rathaus von Charlottenburg. Direkt angrenzend befindet sich unser Lokal „Trattoria Rathaus Piazza“. Unser erster Eindruck ist: „Oh Backe!“. Die Fassade in die Jahre gekommen und einfach gar nicht einladend. Aber wir verlassen uns auf Ina und Sonja und wagen den Schritt hinein. Und sofort geht unser Herz auf. Wüsste ich nicht sicher, dass wir uns im Herzen Berlins befinden, würde ich wetten, dass es das Herz einer italienischen Stadt sein muss. Rot/weiß-karierte Tischdecken und Holzstühle sind ein klares Indiz, um meine Italien-Affinität in Wallung zu bringen. Der Pizzabäcker wirbelt gerade standesgemäß eine Pizza durch die Luft und die quirlige Kellnerin Simona begrüßt uns, die wir ihr (noch) völlig fremd sind, in einer Herzlichkeit, wie ich sie selten erlebt habe. Einige Stunden und Weinflaschen später verlassen wir nach einem wunderschönen Abend diesen Ort italienischer Glückseligkeit und umarmen Simona zum Abschied. Das ist mir noch nie passiert. Ach ja: das Essen ist einfach köstlich und überaus günstig. Und auch Simonas Weinempfehlungen sind ein Volltreffer. Natürlich muss sie als Sardin uns einen Wein aus Sardinien empfehlen. Der „Buio“ erweist sich als vollmundig, samtig, rassig – und passt damit gut zu Simona. Die Trattoria unterhält keine Website. Somit kann ich auch nichts für Sie verlinken. Die Anschrift lautet: Otto-Suhr-Allee 94, 10585 Berlin. Reservierung unbedingt erforderlich: Tel. 030 34806995. Italien-Feeling mitten in Charlottenburg – schöner hätte der erste Abend nicht sein können.

Blumen für Bowie

Am 2. Tag holen Ina und Sonja mich am Hotel ab. Ina möchte sich gerne vom Idol unserer Jugend mit einem Strauß weißer Rosen verabschieden. Und so fahren wir nach Schöneberg in die David-Bowie-Straße. Bis vor kurzem war ihr Name weniger prominent. Sie hieß schlicht „Hauptstraße“. Nach dem unerwarteten Tod des Superstars wurde auf Höhe Haus Nr. 155 spontan das Schild „David-Bowie-Straße“ angebracht. Die Patina erweckt das Gefühl, als würde das Schild dort tatsächlich seit den späten 70igern stehen wie ein stiller Beobachter. Und sie hat etwas tröstliches, so, als hätte sie die längst vergangene Zeit angehalten. Ich bin überrascht über das kleine Blumenmeer und die Menschansammlung dort. Und auch wir werden zu stillen Beobachtern. In den 20 Minuten, in denen wir dort verharren, spielen sich traurige Szenen ab. Eine Frau in den Mitt-Fünfzigern kann sich gar nicht beruhigen und weint ein Tränenmeer für ihr Idol. Einer der zahlreichen Fotografen sieht aus, als wäre er ein früher „Momente-Fänger“ des Rolling Stone Magazine. Er fotografiert noch analog mit einem Film. Seine Jacke ist ein einziges Loch und die Lederhose erzählt ihre ganz eigene Geschichte. Ein junger Mann im türkisfarbenen Mantel und mit Pilzfrisur schaut aus, als wäre er gerade einem very britischen Film entstiegen. Er verabschiedet sich mit einer weißen Rose, während ein mit Karohosen und Karomütze bekleideter Mann einen ganzen Strauß in Orange für David mitgebracht hat. Obwohl David Bowie hier nur von 1976 – 1978 lebte und liebte, nutzen die Menschen die Gelegenheit, ihre Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen und mit dem Gefühl nach Hause zu gehen, wenigstens noch einen Hauch seiner ganz realen, wenn auch längst vergangenen Welt konservieren zu dürfen.

Curry & Döner

Auch wir verabschieden uns von David und Ina und Sonja fahren mit mir zum Mehringdamm 32. Laut NTV befindet sich dort „Deutschlands beliebteste Dönerbude“. Die Beiden warnen mich auch gleich vor und meinen, „wir haben schon ca. 10 Versuche gestartet, aber 9 mal war die Schlange so lange, dass wir aufgegeben haben“. Doch ich scheine ein Glücksbringer für die beiden zu sein. Wir reihen uns ein und warten „nur“ ca. 20 Minuten. Obwohl ich kein Döner-Fan bin, muss ich sagen: NTV hat Recht! Mustafas Gemüse-Kebab ist ein Traum und jede Warteminute lohnt sich. Das Gemüse wird kurz anfritiert, bevor es mit einer oberleckeren Soße mit genau richtiger Schärfe im Fladen verschwindet. Und die Jungs, die angeblich ca. 1.000 (mehr wären zwar nachgefragt, logistisch aber nicht möglich), Döner, Lahmacun und Dürüm am Tag verkaufen, rollen, füllen und verpacken mit einer ansteckenden Gelassenheit.  http://www.mustafas.de/

Und wenn wir schon da sind, so meinen die beiden, müssen wir gleich auch noch eine Currywurst bei Curry 36 essen. Die mitunter bekannteste Currywurstbude der  Stadt ist nur ca. 50 Meter von Mustafas Gemüse-Kebab entfernt. Das bedeutet, wenn der Andrang besonders groß ist, kann es schon mal vorkommen, dass die Warteschlange von Mustafa bis zur Currybude reicht.

Zwischen diesen beiden Hotsports bekommt man „Mampe“, den Magenbitter mit jahrhundertelanger Tradition. Schon alleine der Besuch der Website lohnt sich: http://www.mampe.com/ Probiert habe ich die „Medizin“ noch nicht… Aber nach so viel Völlerei wäre das sicher nicht verkehrt gewesen.

Stattdessen benötige ich dringend einen Kaffee und so fahren wir weiter in die Bergmannstraße in Kreuzberg. Ein sehr lebendiges Viertel mit einer beeindruckenden Ansammlung einladender Cafés, Bars und Kneipen. Wir gehen ins Café Atlantic und ich habe lange keinen so guten Kaffee getrunken. Wikipedia beschreibt die Straße so: „Die Bergmannstraße hat sich nach der Wende zu einer Flaniermeile mit zahlreichen Cafés, Restaurants, Imbissgeschäften und kleinen Läden entwickelt, die dem sie umgebenden dichtbesiedelten Quartier den Namen Bergmannkiez gibt. Von den heutigen Bewohnern und Gewerbetreibenden wird sie auch als „bunteste Straße Berlins“ bezeichnet und als „intakter Kiez mit guter Infrastruktur und hoher Lebensqualität“ bewertet.

Auf halber Länge, am Ende der Zossener Straße, liegt die Marheinekehalle als eine der letzten historischen Markthallen in Berlin am gleichnamigen Platz. Der Platz erhielt seinen Namen nach dem protestantischen Theologen Philipp Konrad Marheineke. Im Zweiten Weltkrieg erlitten die Gründerzeithäuser rund um die Bergmannstraße nur geringfügige Schäden, die Marheinekehalle dagegen brannte aus.“

Nach so vielen schönen Eindrücken machen wir uns auf in die Oranienburgerstraße ins „Bellini“. Über diese Cocktailbar hatte ich schon letztes Jahr berichtet. Und ich kann nur sagen: Die Cocktails sind lecker wie eh und je. Auf dem Weg zum Bellini bewundern wir noch die imposante Fassade der Jüdischen Synagoge. Im Hintergrund zeichnet sich der „Alex“ mit seiner ganzen Ästhetik im nächtlichen Himmel ab. Berlin – du bist so schön.

Die Berliner Mauer

Am nächsten Tag lande ich zufällig in  „The Berlin Wall“.

Wer erwartet, in dieser Panorama Ausstellung original Mauerreste zu finden, wird enttäuscht und muss sich stattdessen zur Eastside-Gallery aufmachen. Wer aber wie ich das vermauerte Berlin vor 1989 nicht erlebt hat, für den ist dieses Museum am Checkpoint Charly ein Muss. Der Künstler Yagesar Asisi hat das Leben an der Mauer (Sebastianstraße) vor 1989 in einem gigantischen Panoramabild nachgestellt. Im Hintergrund laufen Reden von Politikern. Mir hat die Szenerie eine Gänsehaut eingejagt und ich versuche nachzuempfinden, was es für die Berliner bedeutet haben muss, in einer Stadt zu leben, deren Herz entzweit war.

Neben dem Panoramabild finden sich Fotografien von Zeitzeugen. Ein Foto zeigt ein kleines Kind, das mit dem Hammer an der Mauer steht und helfen möchte, diese nach 1989 zu demontieren.

Die Wände und der Boden des Museums sind gezeichnet durch Unterschriften und Zeichnungen faszinierter Besucher. Es liegen Stifte bereit, um seine eigene kleine Spur zu hinterlassen. Auch ich habe mich verewigt. In Grün – der Farbe der Hoffnung. Wer die Ausstellung einmal besucht und meinen Namen findet, dem schenke ich was. Kleiner Tipp: mein Name samt Herz in rot statt i-Tüpfelchen findet sich auf der 2. Tafel…

Cocktails trinken mit Blick auf die Affen

Am letzten Tag starten wir unsere Tour am Savignyplatz in Charlottenburg. Bücherwürmer müssen unbedingt gezielt hierher kommen. Der „Bücherbogen“ ist unterhalb der Bahnlinie in charmanten Arkaden untergebracht und man könnte hier Stunden, wenn nicht Tage verbringen, um besondere Exponate wie die „Museums-Kiste“ zu entdecken. In der Umgebung gibt es kleine Boutiquen mit ausgefallenen Outfits, Schmuck-Designer und hübsche, kleine Restaurants. Von dort gehen wir weiter in die Kantstraße und machen einen Abstecher ins „Stilwerk“. In dieser Einkaufspassage könnten Sie theoretisch Ihre Wohnung oder Ihr Haus ausstatten. Sofern Sie über das nötige Kleingeld verfügen. Denn hier findet sich auf 5 Etagen Interieur der Extraklasse. Die Architektur und Inneneinrichtung dieser Passage ist wunderschön und man sieht hier Möbel, Lampen und vieles mehr, die man sonst nicht so komprimiert und schön arrangiert findet. Fahren Sie unbedingt mit einem der Panoramalifte in die 5. Etage und lassen Sie den schönen Blick über Berlin auf sich wirken.

Von hier gehen wir weiter in Richtung Bahnhof Zoo und wir begeben uns direkt ins „25 Hours Hotel“. Dort befindet sich der Aufzug zu einer der derzeit angesagtesten Bars Berlins. Vom 10. Stock hat man einen phantastischen Blick auf den Zoo, kann Elefanten und Affen und die Skyline Berlins aus der Vogelperspektive bewundern. Und nun versteht man auch, wie es zum Namen „Monkeybar“ kam…

Ausgefallen shoppen im Bikini Berlin

Anschließend tauchen wir ins „Bikini Berlin“ ein. Hier wurde von 2010 bis 2013 ein aus der Nachkriegszeit stammendes Gebäude modernisiert und in eine Einkaufspassage verwandelt. Für mich neben der Mall of Berlin die schönste Einkaufspassage Berlins – architektonisch wie inhaltlich. Nirgends sonst findet man auf so engstem Raum so viel ausgefallene Mode. Jungdesignern wurde hier eine stilvolle Verkaufsplattform geschaffen. Im LNFA gibt es das umfangreichste Angebot an Designermode und Berlin beweist damit einmal mehr, der Bezeichnung Modemetropole absolut würdig zu sein. Aber nicht nur modisch ist das „Bikini Berlin“ ausgefallen und extravagant, sondern auch das Sortiment an Schnickschnack und Co. ist meines Erachtens einzigartig. Wo bitte schön gibt es sonst ein „Cocktail Kit“ für unterwegs? Oder wo sonst gibt es eine Boutique, in der ausschließlich Overalls feilgeboten werden? Am Bodensee jedenfalls nicht.

Auf dem Dach des Gebäudes kann man von einem Eingang zum anderen flanieren und dabei wieder die Tiere des Zoos beobachten. Planen Sie ausreichend Zeit ein, denn um alles einsaugen zu können, genügt ein kurzer Abstecher nicht.

Was die modischen Trends betrifft, so ist die Mode der Jungdesigner nicht unbedingt repräsentativ. Natürlich ist die Nichtfarbe Schwarz tonangebend. Dazu ausgefallene Schnitte und hochwertige Materialien. Wenn ich den Haupttrend auf einen Punkt bringen müsste, würde ich sagen: „Erlaubt ist, was gefällt“.

Und dieses Credo passt zu unserer Hauptstadt und den Menschen, die dort leben in jeder Hinsicht. Denn nur hier habe ich mitten im Winter einen Mann gesehen, der oben ohne unterwegs war (nun ja, er hatte einen „Fell-Pullover“ an). Mir gefällt diese Lebenshaltung. Denn wie sagt ein Spruch, den ich im „Bikini Berlin“ abfotografiert habe so treffend: „and now I`ll do what`s the best for me“…

In diesem Sinne – bis ganz bald, Ihre Ingrid