Verlässt man die Po-Ebene von Mailand kommend und betritt bei Alessandria die Provinz Piemont, so nimmt man sofort die veränderte, lieblichere Umgebung wahr. Sanfte Hügel, voll mit Weinreben, die sich im diffusen Licht der tiefer stehenden Oktober-Sonne zu einem pittoresken Bild formieren. Auf einigen Hügeln thronen stolz die baulichen Zeitzeugen aus Epochen, während derer die Region noch vor den vom nahen Meer her einfallenden Piraten geschützt werden musste. Sofort spürt man: Diese Gegend ist nicht ohne Grund UNESCO-Weltkultur-Erbe und hat einen ganz eigenen Reiz mit einer sehr beruhigende Energie. Und noch etwas: Die berühmte Piemont-Kirsche kann nur eine Mähr sein. Denn zumindest um Barolo herum ist kein einziger Kirschbaum zu entdecken.

Und tatsächlich: Die Piemont-Kirsche des italienischen Herstellers Ferrero verdankt zwar dieser Provinz ihren Namen, wirklich geerntet wird sie aber im fernen Portugal.

Nocciola – die Haselnuss

Sie hat dafür eine umso größere Bedeutung. Aufgrund der milden Winter sind die „kleinen Nährstoffbomben“ frei von Bitterstoffen, wie man sie womöglich vom heimischen Haselnussbaum kennt. Daher erhalten sie im Piemont auch das Prädikat „Gourmetnuss“. Ich jedenfalls habe noch nirgends sonst so eine geballte Ansammlung von Haselnuss-Kulturen gesehen, wie hier in der Region Cuneo. Und wenn man selber einen Baum besitzt, bewundert man respektvoll die Arbeit, die sich hinter dieser Sonder-Kultur verbirgt. Im Ort Sinio findet sich die Firma La Regale. Dort werden die sündige Haselnusscreme und andere nussige Köstlichkeiten produziert. Einfach an die Tür klopfen, um Einlass in den kleinen Verkaufsraum zu bekommen. Die gebrannten und gezuckerten Haselnüsse schmecken einfach himmlisch.

Pizza – ein piemontesisches No-Go

Aber wie es halt so ist, muss man sich am Anfang eines Urlaubs ja auch erst mal orientieren. Kurz nach unserer Ankunft in Castiglione Falletto (kurz vor Barolo) waren wir bärenhungrig. Und dies zu einer Uhrzeit, zu der ein Italiener noch den Siesta-Staub aus seinen Augen reibt. So steuerten wir auf die Pizzeria Bargiglio Rosso in Grinzane Cavour zu, die am frühen Abend geöffnet hatte. Um wenigstens den ersten piemontesischen Geschmack auf die Zunge zu zaubern, entschied sich mein Begleiter Hubert für eine Pizza mit Parmesan, Cotto-Schinken und schwarzem Trüffel. Ich entschied mich für das gegrillte Gemüse, welches sehr fein mundete. Aber die Pizza (von der ich natürlich auch schnabulierte) war die beste, die ich seit Jahren gegessen habe! Teig und Belag ein Gedicht. Insofern also ein geschmackvoller Ausrutscher. Und irgendwie gehört Pizza zu Italien, wie die Paella nach Spanien. Also ein legitimer Urlaubseinstieg.

Meine Spitzenbluse von Peter Hahn war ein wunderbarer Urlaubsbegleiter. Schick genug, um auch in der Modeheimat Italien „zu bestehen“, bequem und sehr anpassungsfähig.

Wein, Wein und noch mal Wein

Natürlich ordnet man „bella italia“ neben Pizza auch automatisch dem „vino rosso“ zu. Und der Stadt Asti den prickelnden „Asti Spumante“. Dass das Piemont quasi ein einziger Weinberg ist, hätte ich mir allerdings in dieser Ausprägung nicht vorstellen können. Tief purpurfarbene Reben so weit das Auge reicht. Was für den Bayer das Bier ist, ist für den Piemontesen der Wein – nämlich Lebenselixier.

Cantine, also Weinkellereien, findet man hier in einer unvergleichlichen Häufigkeit. Was für den geneigten Piemont-Erstling zuweilen fast schon zu einem kleinen Stressfaktor mutieren kann. Zumindest erging es uns so, dass wir vor lauter Bäumen den Wald nicht gesehen haben. Die Frage nach DER einen, richtigen Cantina für eine Wein-Degustation (ist ein Muss!) beschäftigte uns tatsächlich intensiver. Wir lösten das „Problem“ dann wie folgt: Der Barola, den wir im Hotel als Schlummer-Trunk zu uns nahmen, mundete uns sehr gut. Wir googelten dann kurzerhand die auf dem Etikett angegebene Cantina Fratelli Aimasso. Da das Weingut nur ca. 12 km von unserem Hotel entfernt lag, fuhren wir spontan dort hin. Der Winzer Luca gab uns sofort das Gefühl von „hier seid ihr willkommen“ – und das, obwohl er mitten in der Weinernte steckte. So klein und unscheinbar das Anwesen zunächst auch wirkt, so klein und fein ist seine Kellerei von innen. Zwischen Fässern und Etikettiermaschine offeriert Luca seine edlen Tropfen. Angefangen beim Dolcetto „Diano D`Alba“, dem etwas leichteren Wein für frühere Stunden. Dieser Tropfen ist Lucas ganzer Stolz und er hat ihm den Namen seines Sohnes Pietro gegeben. Die Traube gibt es nur in der Region um Diano D`Alba. Der Barbera D`Alba „Alice“, nach seiner Tochter benannt, hat es mir total angetan. Ein total runder, intensiver und extrem süffiger Wein. Und so waren wir nach 1,5 Stunden Hände-und-Füße-italienisch-englisch-Kauderwelsch um eine unvergessliche Zeit und 24 Flaschen Wein bereichert. Sollten Sie je in der Nähe sein, so möchte ich Ihnen einen Abstecher zu Luca und seinem Vater und Onkel (die Fratelli) ganz warm ans Herz legen: www.aimasso.com

Wein trifft Risotto

Wenn zwei für die Region bekannte Köstlichkeiten vereint werden, so entsteht eine Gaumen-Symbiose der besonderen Art. Einem Einheimischen-Tipp zufolge besuchten wir die Vin Bar in La Morra. Neben Ravioli mit Salbei aßen wir Barolo-Risotto (natürlich aus Novara). Beim Gedanken daran läuft mir jetzt noch das Wasser im Mund zusammen! Für gerade mal 32 Euro wurden wir mit Salame, gemischtem Salat, Wein, den Hauptspeisen und Cappuccino verwöhnt.

Wein trifft Leidenschaft und Wissen

Hinsichtlich Internet-Bewertungen bin ich eher kritisch eingestellt. Man weiß nie, welche Beurteilungen wahrheitsgemäß und welche gekauft sind. Nichtsdestotrotz haben wir einem Tripadvisor-Tipp zu Folge die Weinbar „La Vite Turchese“ in Barolo besucht.

Leider erst eine Stunde vor Ladenschluss. Wie in Tripadvisor bereits mehrfach beschrieben, sind die Eigentümer Stefano und Elisabetta herzliche und leidenschaftliche Gastgeber. Darüber hinaus verfügt Stefano über ein Weinwissen, dass sich „von“ schreiben kann. Elisabetta beschrieb seine Gabe wie folgt „Stefano kann sich jeden Wein, den er je getrunken hat, für die Ewigkeit merken und seine Gaumen-Erinnerung jederzeit abrufen“. Wohlbemerkt beherbergt das La Vite Turchese 5.000 Flaschen Wein mit 3.000 verschiedenen Sorten… Uns hat Stefano einen Barolo aus der Gegend um Serralunga empfohlen und wir können nur sagen: Volltreffer! Ganz selbstverständlich verwöhnte Elisabetta uns mit delikatem Käse, Parmaschinken und selbstgebackenen Knabbereien. Chapeau!

Trüffel trifft Leidenschaft und Wissen

Eines der vielen Highlights unserer Piemont-Reise war die Trüffel-Tour, die wir sicher nie vergessen werden. Wir trafen uns mit dem Trüffel-Guide Marco, seinem Suchhund Rocci und seiner Übersetzerin Johanna in La Morra. Johanna führte uns mit ihrem fachkundigen Wissen in die Geheimnisse dieser pilzverwandten Knolle mit Goldwert ein. Der schwarze Trüffel ist günstiger, weil er weiter oben als der weiße wächst und somit einfacher zu erschnüffeln ist. Pro Baum kann nur ein Trüffel wachsen und gedeihen. Besonders groß ist das Aufkommen in der Nähe von Eichenbäumen. Sobald Rocci einen Trüffel erschnüffelt hat, gibt er seinem Herrchen zu verstehen: „Bitte Belohnung, dann zeig ich Dir, wo Du die Knolle findest“. Und tatsächlich; nachdem der Labrador-Mischling seine „Bezahlung“ erhalten hat, verharrt er an der Stelle. Während der Tour hat Rocci viermal Trüffel angezeigt und jedes Mal war sein Hinweis ein Volltreffer. Die Trüffelsuche ist ein Faszinosum. Herr und Hund bilden eine verblüffende Einheit. Diese Tour ist ein Muss! Und natürlich können die frisch „geernteten“ Exemplare auch gleich gekauft werden. Schließlich ist Marco mit einer Waage ausgestattet.

Übrigens: sollten Sie eine Tour bei Vollmond planen, so wird Ihr Plan garantiert vereitelt. Die Vollmond-Nächte sind die einzigen, während derer die Trüffelsucher schlafen können. Denn bei Vollmond klappt es nicht mit dem Finden.

Leben wie Gott im Piemont:

Da ich reisefreudig bin, bin ich schon viel herum gekommen. Aber noch nie zuvor war ich in einem Restaurant wie der „Osteria delle Aie“ in Castellinaldo. Erneut ließen wir uns durch www.tripadvisor.de leiten. Die fast durchweg positiven Rezessionen ließen uns hoffen, erneut in keine Touri-Nepp-Falle zu tappen. Und wir können uns den Bewertern nur anschließen: Diese Osteria ist eine Sensation. Erlebnis-Gastronomie trifft auf Qualität, Können und Herzlichkeit. Wir erlebten dort eine kulinarische Zeitreise mit Wohnzimmer-Gefühl. Wir entschieden uns für: Aperitivo, Salsiccia in einer Honig-Käse-Soße, Tajarin mit Lauch, Wachteln in Balsamicoessig, Fisch mit eingelegten Trauben, karamellisierte Birne in Barolo, Käse-Auswahl, Kaffee, Grappa – und Wein, so viel das Herz begehrt. Barolo, Barbera, Nebbiolo, Dolcetto… Man darf „süffeln“ so viel man möchte und kann die enorme Wein-Auslage, die die Tische rahmt, nach Herzenslust durchprobieren. Am Schluss hatten wir 2 Weißweingläser, 7 Rotweingläser und 2 Grappagläser vor uns stehen – und waren wohlbemerkt zu zweit. Unsere Menüwahl war ja nun unsere ganz individuelle. Natürlich konnte man aus einer Vielzahl lokaler Köstlichkeiten auswählen. Und das Ganze für sagenhafte 45 Euro pro Person. All you can eat and drink auf allerhöchstem Niveau.

Das Wandern ist es des Touris Lust

Von wegen Internet-Informationen: in einem Artikel habe ich gelesen, das Piemont sei nicht für Wandertouren geeignet. Ich frage mich, wie der Schreiberling auf so eine Fehleinschätzung kam. Die sanften Hügel und zaunlosen Weinberge fordern einen geradezu still auf, sie per pedes zu erkundigen. Es gibt keine geeignetere Möglichkeit, in die Schönheit der Landschaft so intensiv einzutauchen. Teilweise findet man beschilderte Routen (besonders schön: La Morra „Sentiero delle Grandi Vigne“ No. 6). Wir haben uns die App „Wikiloc“ heruntergeladen. Es gibt verschiedene Touren-Vorschläge, die verlässlich ans Ziel führen.

Was uns sonst noch gut gefallen hat:

-Alba: schöne Kleinstadt und Trüffel-Hochburg mit ansprechenden Boutiquen und Highclass-Gourmet-Läden. Hier findet auch die alljährliche Trüffelmesse Fiera del Tartufo statt.

-Verduno: Bezeichnet sich als Herz des Langhe. Weinkenner finden hier die Rubinsorte „Pelaverga“, die es nur in dieser Region gibt.

-La Morra: hübsche kleine Bergstadt und ideale Ausgangslage für Weinberg-Wanderungen.

-Barolo: Kleines, nettes Städtchen in dem sich natürlich alles um den gleichnamigen, weltberühmten Wein dreht.

-Bra: Kleinstadt mit schönen Gassen und Shopping-Möglichkeiten. In Bra wurde die Slow-Food-Bewegung in den 80iger-Jahren aus der Taufe gehoben.

-Pappeln: Auffallend sind die zahlreichen Pappel-Anlagen am Straßenrand. Diese dienen der Papier-Produktion.

-Die Zeder: Bei La Morra thront eine Libanonzeder aus dem Jahre 1875. Ein Prachtexemplar und UNESCO-Weltkultur-Erbe. Also quasi ein Weltkulturerbe innerhalb des Weltkulturerbes.

Die Region Cuneo um Barola und La Morra haben uns besonders gut gefallen, weil wir dort das in Weinberge eingebettete Gefühl besonders intensiv empfunden haben. Dass wir wieder kommen werden, um diese vom Massentourismus verschonte, traumhafte Ecke Italiens weiter zu erkunden, steht jedenfalls fest…