Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur falsche Kleidung. Dies jedenfalls besagt die traditionelle (Segler-)Theorie. Als die Prognosen für Pfingsten Dauerregen und für den Norden Italiens Sonne ankündigten, zögerte ich trotz der Segler-Weisheit nicht lange und buchte kurzerhand im Internet eines der wenigen freien Zimmer in der schönen Kleinstadt Varese, der Hauptstadt der Provinz Varese in der Lombardei. Meinen Schatz musste ich nicht lange becircen, um ihn vom Spontantrip zu überzeugen. Ein einziger Impuls für sein Gedanken-Kino genügte: „Stell dir vor, morgen früh einen Cappuccino und ein bisschen Dolce Vita auf dem sonnigen Marktplatz von Varese mit mir zu genießen“…

Die schöne Universitätsstadt Varese haben wir übrigens mal zufällig entdeckt. Als ich während der letzten Schlechtwetter-Phase auf der Landkarte nach der nächsten italienischen Kleinstadt mit Schön-Wetter-Chance gesucht habe, ist mein Finger auf Varese gelandet.

Varese in der Lombardei erwartet uns

Keine 20 Stunden später sitzen wir dann also im gepackten Auto und starten bei strömendem Regen in Richtung Italien. Auch wenn mich das allzu frühe Aufstehen (4.15 Uhr) immer große Überwindung kostet, so ist der standardmäßige Genuss des ersten in italienischer Sprache bestellten Brioche mit Espresso Macchiato in der Raststätte Campagnola (Nähe Bellinzona) ein alles-wieder-gut-machender Glücksmoment, auf das ich mich schon ab dem Moment wieder sehne, wenn wir der Raststätte den Rücken kehren.

Bereits um 9.00 Uhr bezogen wir unser Hotel in der Stadtmitte Vareses. Leider war unser Favorit, das wunderschöne „Hotel di Varese“ http://www.hoteldivarese.it/ schon ausgebucht. Diese liebevoll restaurierte Villa ist ein Kleinod mitten in der Stadt und erhält von mir die Beurteilung „hervorragend“. Nichtsdestotrotz wurden wir mit strahlender Sonne belohnt – genau richtig für das berühmte dolce far niente, das wohl niemand so gut beherrscht, wie die Italiener.

Dass in Varese und Umgebung wohlhabende Menschen leben, ist nicht nur an den mondänden Prachtvillen und üppigen Privatparks, sondern auch an den exklusiven Auslagen erkennbar. Und so bummelten wir von Max Mara über Valentino zu Todds und Elena Miro. Hätte ich nicht schon zu Hause den Vorsatz gefasst, mein Schuh-Rudel nicht erneut zu „beschwistern“…..es wären vermutlich die Hogan-High-Heels mit Plateau geworden.

Wie so oft in Italien, lohnt sich übrigens der Blick hinter die Fassaden. Mitten in der Stadt befindet sich hinter einem beeindruckenden Portal ein wunderschöner, bewachsener Innenhof mit Arkaden und alten Fresken. Eine Insel der Ruhe und des Friedens mitten im pulsierenden Leben. Natürlich gehört zu einem Italien-Aufenthalt auch das Menschen-Studium. Und so beobachteten wir die fröhliche Menschen-Masse. Und stellten beide fest, dass der Kleidungsstil einen Wandel vollzogen hat. Waren die Italienerinnen früher vor allem klassisch und in den Farben Blau, Cognac oder Schwarz gekleidet, so kann man heute auch zahlreiche bunte und wild kombinierte Ausreißer beobachten. Leider nicht immer besonders geschmackvoll. Übrigens hatte ich selbst meinen kleinen Koffer intuitiv „Italienisch“ gepackt: Blau-weiß. Vielleicht auch, um das ersehnte Sommergefühl zu intensivieren. Doch ich finde, es ist unbestritten, dass Blau einfach immer angezogen und elegant wirkt – auch an Männern.

Meine Reise-Garderobe

Die Bluse mit extravagantem Rippenbund von Frapp aus 100% Viskose verbindet lässigen Chic mit Coolness und gehört genau deshalb zu meinen Lieblingsstücken. Ich habe sie zu meiner Schlaghose und den ultimativen Paul-Green-Slipper kombiniert. Da ich im Gourmet-Land ziemlich unbeherrscht bin, erhöht es meinen Wohlfühlfaktor, wenn meine Bauchpölsterchen lässig umspielt werden. Die Schuhe mit changierendem Effekt sind megabequem und dazu ein pfiffiger Hingucker. Beim Blick in die Schaufenster fühlte ich mich in meiner Garderobenwahl bestätigt. Graphische Muster sind hochangesagt. Die Baumwoll-Bluse von Peter Hahn überzeugt außerdem durch ihren schönen Schnitt und die Überlänge von 70 cm. In Kombination zur weißen Hose und den italien-würdigen Komfort-Sneakers von Paul Green fühlte ich mich tatsächlich wie eine bella donna. Als dann gegen Nachmittag doch ein kühler Wind aufkam, war ich froh über meinen schönen Poncho von Emilia Lay.

Il dolce far niente (das süße Nichtstun):
Das beste Eis:

www.oggigelato.it

Was für eine geniale Namensgebung für eine Gelateria. Nicht nur, dass „gi“ in „Gelati“ steckt, sondern auch, dass „Heute“ mehrfach im täglichen Sprachgebrauch von uns Allen Verwendung findet. Es wird quasi täglich über „oggi“ gesprochen. Und das Eis…..oh mein Gott …..es ist eine sündige Verheißung. Sollten Sie je in der Nähe einer Oggi-Gelateria sein……..sie MÜSSEN da rein!!

Sacro Monte di Varese

Dieser heilige Pilgerberg am Rande von Varese ist UNESCO Weltkulturerbe.

14 Kapellen flankieren den Pilgerweg entlang des heiligen Bergs. Entweder man pilgert die ca. 300 Höhenmeter oder fährt mit der Kabelbahn Funicolare nach oben. Diese ist richtig kultig. 1 Euro kostet die Fahrt. Unten muss man sich überwinden, über die Absperrung zu klettern, weil die Biglietti-Maschine nicht wirklich funktioniert und die Station nicht bemannt ist. Oben kann man dann sein schlechtes Gewissen beim sehr freundlichen, wartenden Schaffner erleichterten und noch ordnungsgemäß bezahlen. Im beschaulichen Bergdorf Maria del Monte wird man mit einem atemberaubenden Blick über Varese, die Lombardei, den Lago Maggiore, den Lago di Varese und in die Alpen verwöhnt. Machen Sie unbedingt einen Abstecher ins altehrwürdige „Café Borducan“ und genießen Sie auf der Panoramaterrasse einen Cappuccino http://www.hotelborducan.com/. Es gibt oben in Maria del Monte auch einen Parkplatz. Um dann in den Pilger-Genuss zu kommen, empfiehlt es sich, wenigstens einen Teil des Weges zu gehen. Dabei ist es ein Vergnügen, das bunte Treiben eine Zeitlang zu beobachten. Jung und Alt tauchen in den sakralen Zauber dieses ganz besonderen, magischen Ortes ein. Das Schuhwerk mal mehr, mal weniger passend. Von Salon-Schleichern bis hin zu Bergstiefeln und voll ausgerüsteten Marathon-Läufern sieht man einfach alles.

Garten Eden: Villa Toeplitz mit Park
http://www.santambrogiolona.it/villa-toeplitz.html

Grandios angelegter Park um eine geschichtsträchtige, mondäne Villa und ein zauberhafter Ort, um einfach in Ruhe die Seele baumeln zu lassen – und das mitten in Varese. Dürfen Sie keinesfalls versäumen! Machen Sie es den Einheimischen nach und nehmen Sie eine Picknick-Decke mit, um einfach in Ruhe zu chillen, nappen, lesen, faulenzen…

Die ultimative Trattoria Caprese
http://www.trattoriacaprese.it/locali/varese/:

Das müssen Sie erlebt haben! Wir, typisch Deutsch, haben uns bereits um 19 Uhr zum Abendessen aufgemacht und sind dem Tipp der freundlichen Rezeptionistin gefolgt und in der Trattoria Caprese eingekehrt. Natürlich waren wir so ziemlich die ersten Gäste und wurden vom Kellner herzlich empfangen. Ich wunderte mich noch, wieso da 5 Pizza-Bäcker in den Startlöchern standen. 1,5 Stunden später ging mir das Licht auf. Wir waren da wohl in einer Kultkneipe gelandet. Bis zu 50 Menschen tummelten sich vor dem Restaurant und warteten auf einen der ca. 180 Sitzplätze. Manche aßen ihre Penne dann auch im Stehen. Die italienische Gelassenheit – auch das ein Grund, warum es uns hier so gut gefällt. Ach ja; und Pizza, gegrilltes Gemüse, Penne und Rotwein sind erstklassig. Ci vediamo Trattoria Caprese!!

Was der Bauer nicht kennt: Polenta
http://www.vivivarese.com/polentoteca-il-pajolo/

Hubert (Agraringenieur, also studierter Bauer) gestand mir, noch nie Polenta gegessen zu haben und so schleppte ich ihn in die „Polentoteca il Pajolo“. Dass es diesen Maisbrei in so vielfältigen Varianten gibt, war mir bis dato selbst nicht klar. Ich wählte die Gemüse-Variante und ließ sie mit Gorgonzola aufpeppen – superlecker! Und die kleine „Polenteria“ picobello sauber und von einem überaus freundlichen, charmanten Italiener namens Pajolo geführt. Pajolo gibt einem das gute Gefühl „der Gast ist König“.

Parlo italiano – zumindest un poco:

Meine Italienisch-Kenntnisse sind so umfangreich, wie sie nach einem VHS-Kurs und ein paar Urlauben in Sizilien mitten unter Sizilianern sein können. Aber ich bin da völlig schmerzfrei und versuche, mit den paar Brocken durchzukommen. Das scheint wiederum dazu zu führen, dass die Italiener Sympathien entwickeln. Überall wurden wir mit Handschlag und einer herzlichen Hand-auf-Arm-Auflege-Geste verabschiedet. Es lohnt sich also, die Anreise zu nutzen und eine entsprechende CD „Italienisch für Anfänger“ einzulegen. Und so fuhren wir nach knapp 3 sonnigen Tagen wieder nach Hause. Unser Italien-Feeling-Depot haben wir frisch angereichert und können hoffentlich ein paar Monate davon zehren Und falls nicht – dann geht’s halt einfach von vorne los. Arrivederci Bella Italia – a presto