Für mich gibt es immer zwei Möglichkeiten, eine Stadt zu erkunden. Entweder ich ziehe ohne Stadtplan los und entdecke dann eher zufällig die Sehenswürdigkeiten. Oder aber ich ziehe los mit dem Reiseführer in der einen und dem Stadtplan in der andern Hand – fest entschlossen alles Sehenswerte einer Stadt möglichst an nur einem Tag zu erkunden.

Romantischer Spaziergang durch Cartagena

In Cartagena ist sozusagen die gesamte Altstadt eine einzige Sehenswürdigkeit. Weil außerdem die Luftfeuchtigkeit extrem hoch ist und die Temperaturen weit über 30° Grad liegen, entscheide ich mich für die entspannte Variante, um die Stadt zu erkunden.

Die hohen Gebäude der Stadt bieten sich als natürliche Orientierunghilfe an.  So betrete ich die Altstadt am Uhrentum Puerta del Reloj direkt an der Stadtmauer. Dahinter öffnet sich gleich der Plaza de los Coches, dem ehemals größten Sklavenmarkt Südamerikas. Hier wurden in der Kolonialzeit Abertausende afrikanischer Sklaven verkauft. Heute erinnert nicht mehr sehr viel an diese schreckliche Epoche. Man findet unter den Arkaden hauptsächlich die berühmten Süßigkeiten der Stadt: Panelitas (aus Rohrzucker), Suspiros (Baiser), Melchochas (mit Caramell) und Cocadas (aus Kokos). „Que rico!“ (So lecker) –  wie die Kolumbianer sagen.

Rings um den Platz erwarten mich in jeder Gasse  buntgetünchte Häuserfassaden, die Farben halb verwittert, mit hervorschauenden, blumenüberladenen Balkonen. Ich komme mir vor, wie in einem Roman des Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez, der in seinen Memoiren über seine Lieblingsstadt schrieb: „Kaum war ich innerhalb der Festungsmauern, lag die Stadt im malvenfarbenen Sechs-Uhr-Abendlicht in alter Pracht vor mir, und das Gefühl überkam mich, wiedergeboren zu sein“.

Links entlang der Stadtmauer komme ich zum Plaza de la Aduana, einem der größten und repräsentativsten Paradeplätze. Von dort aus geht es entlang der Calle Ladrinal zum Parque de Bolivar. Früher unter dem Namen Plaza de la Inquisición bekannt, fanden dort ab 1614 die berüchtigten Akte der Ketzeranklage statt. Heute ist es dank der schattenspendenden Bäume und kühlenden Brunnen eine Oase inmitten der ummauerten Stadt. Rund um den Plaza finden sich viele kleine Geschäfte, unter anderem bieten lokale Künstler ihre Bilder mit typischen Darstellungen der Stadt an.

Westlich des Parks steht der beachtliche Inquisitionspalast aus dem 18. Jahrhundert. Das Strafgericht hatte schon zu Kolonialzeiten seinen Sitz, hier wurden alle verfolgt, die vom Katholizismus abwichen, sich indigenen oder afrikanischen Gottheiten hingaben. Im Inneren des Palastes befindet sich ein historisches Museum mit alten Stadtplänen, einer Folterkammer und Folterinstrumenten und weiteren Zeitdokumenten aus dieser Epoche. An der Ostflanke des Platzes befindet sich das kleine, sehr sehenswerte Goldmuseum von Cartagena.

Die Geschichte von Cartagena erlebt man am besten bei einem Besuch der alten Festung „Castillo de San Felipe de Barejas“, die einst die spanische Kolonialstadt vor den häufigen Piratenangriffen schützte. Eine Audioführung durch die Festung wird auch auf Deutsch durchgeführt und man erfährt spannende Details über den Kampf um Cartagena.

Das Manhattan Südamerikas

Cartagena wird auch als das Manhattan Südamerikas bezeichnet. Den berühmten Panoramablick auf die Stadt möchte ich natürlich auf keinen Fall versäumen und nehme mir deshalb ein Taxi zum Kloster „El Convento de la Popa“ außerhalb es Zentrums auf einem 150 Meter hohen Hügel. Der Ausblick ist einfach traumhaft. Man bekommt eigentlich erst hier ein Gefühl für die wahre Größe der Stadt und die strategische Wichtigkeit in Zeiten der Eroberung durch die Spanier. Den Taxifahrer lässt man übrigens idealerweise warten, denn es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel für den Rückweg.

Den Abend lässt man am besten im legendären Café del Mar auf der Festungsmauer ausklingen. Wenn der laue Wind die Hitze des Tages vertreibt und chillige Launch-Musik aus den Laufsprechern ertönt, gibt es keinen romantischeren Ort in der Stadt. Neben Touristen mischen sich auch viele Einheimische unters Publikum.

Dunkle Geheimnisse der Stadt

Auf dem Nachhauseweg sollten Sie sich in Acht nehmen – vor den Geistern und Gespenstern der Stadt. Denn die Altstadtgassen von Cartagena sind voll von ihnen. Eine der gruseligen Geschichten erzählt von den verwunschenen Leichenträgern, die auf den Straßen immerzu stolperten und dadurch die Leichen verloren und sie überall auf den Straßen verteilten.

Das einzige, was Cartagena zum makellosen Karibiktraum fehlt, ist der perfekte Strand. Deshalb Badetasche packen und ab zum schönen Playa Blanca der Isla Barú. Mit dem Shuttle-Bus zum Beispiel von Mamallenatours über eine Landesbrücke, erreicht man die Insel in nur einer Stunde. Am Wochenende ist der Strand allerdings überlaufen, da hier neben all den Touristen auch die Einheimischen selbst nach Erholung suchen. Und wie an vielen Stränden gilt auch hier: Achtung vor Standliegen-, Massagen- und Souvenirverkäufern!

Ein wunderschönes und authentisches Mitbringsel sind die farbenfrohen gehäkelten Mochila der Wayúu-Indianer aus dem Norden Kolumbiens. Keine Tasche gleicht der anderen, jede ist ein Unikat. In ihren Farben und Motiven drücken die Indigenen ihre Gefühle und Kreativität aus. Die Elemente der Erde werden oft als Muster verwendet und die Farben der natürlich gefärbten Wolle leuchten unter der Sonne wie ein bunter Regenbogen.

Wer mehr über kolumbianisches Kunsthandwerk erfahren möchte, kann sich auf Facebook oder auf der Website der Artesanías de Colombia informieren. In Cartagena selbst befinden sich 3 Einkaufsmöglichkeiten, die hochwertige Souvenirs zu fairen Preis anbieten.